IT Offshoring

Teil 2: Arbeiten in verteilten Teams oder doch wieder im selben Raum kuscheln?

Ein ganz wesentliches Versprechen moderner IT ist, dass der Ort für eine effektive Zusammenarbeit keine Rolle mehr spielt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für international agierende Unternehmen, die in vielfältiger Weise, ob in global vernetzten Prozessen oder in verteilten virtuellen Teams, zusammenarbeiten.

Die IT Organisationen selbst haben diese in Teilen durchaus bittere Medizin häufig nicht auf sich selbst anwenden wollen. Projekt hieß in der Vorstellung von IT Mitarbeitern, aber auch vom IT Management, immer noch: Wir sitzen alle im gleichen Raum, bestellen gemeinsam Kaffee und Pizza. Selbst externe Ressourcen wurden vor gar nicht so langer Zeit räumlich vollständig in die Teams integriert.

Von manchen alten Gewohnheiten, wie der vollständigen Integration externer Mitarbeiter, mussten wir uns letztlich auch als Folge der veränderten Gesetzeslage bei Scheinselbständigkeit und Arbeitnehmerüberlassung verabschieden. Aber wir haben in den letzten Jahren viel investiert, sowohl in Infrastruktur als auch in Methodik und Mitarbeiterschulung, um die Befähigung zu ortsunabhängiger Arbeit und Zusammenarbeit zu entwickeln. Sei es, um die IT des Unternehmens besser bündeln, Offshoring-Modelle bedienen oder auch nur praktikable Home-Office Arbeitsplätze anbieten zu können. Die Werkzeuge für die Zusammenarbeit haben sich stark verändert. Die Firmennetze sind offener geworden, soziale Kooperationswerkzeuge verbessern sich stetig, auch verteiltes Brainstorming ist eigentlich kein Problem mehr für global verteilte, virtuelle Teams, die sich wirklich diszipliniert auf diese neue Landschaft einlassen.

Dennoch kann man seit einiger Zeit einen Trend erkennen, dass mit Themen wie Digitalisierung, Agilität und Innnovation die alten Kuschelmodelle wieder Einzug halten: Anscheinend gelingt es am Ende doch nicht, richtig innovativ, agil oder gar digital zu sein, wenn man nicht zusammensitzt. Typischerweise findet dies Zusammensitzen dann in open-space Bürolandschaften mit vielerlei nerdigen Designaspekten, als Innolab bezeichnet und ironischerweise möglichst weit weg vom eigentlichen Unternehmenscampus, statt. Ich kann dabei durchaus verstehen, wenn im Rahmen von Change-Prozessen Mitarbeiter bewusst aus ihren alten Strukturen herausgenommen werden, um sicherzustellen, dass sie sich wirklich dem Neuen zuwenden können und nicht doch wieder von ihren alten Themen und Projekten eingeholt werden. Aber man muss hier sehr genau aufpassen. Die Neigung der IT Organisationen und ihrer Mitarbeiter ist groß, schnell auch gesamtheitlich zu alten Modellen zurückzukehren.

Wie bei vielen anderen Themen ist aber auch hier die Welt nicht schwarz-weiß. Es wird immer Projektarten und Projektphasen geben, in denen es hilfreich ist, dass die Mitarbeiter eng zusammen sind. Und sei es nur, damit sie das persönliche Vertrauen zueinander gewinnen, um auch mit Technik genauso agil, innovativ und kreativ zusammenzuarbeiten wie im tollen Innolab mit den schönen Design Thinking Räumen und den Lego-Baukästen. Deshalb rate ich jedem CIO, genau achtzugeben, dass das neue Kuscheln wirklich nur dort eingesetzt wird, wo es notwendig ist und wir die mühsam erworbenen Fähigkeiten zur globalen virtuellen Zusammenarbeit nicht wieder verlieren. Denn wir werden gerade diese Fähigkeiten noch dringend benötigen. Darüber mehr in Teil 3.

Rainer Janßen

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