Management – Anregungen zum Nachdenken und Diskutieren

Serie: Management – Anregungen zum Nachdenken und Diskutieren

Teil 30: Machiavelli, Macht und Feinde

Ich habe viele Gespräche mit jungen Mitarbeitern geführt, die den Wunsch geäußert hatten, die Management-Laufbahn einzuschlagen. Wenn ich dann nach der Motivation für diesen Wunsch fragte, kam letztlich immer wieder die Vorstellung zu Tage, in dieser Rolle mehr mitgestalten zu können. Man kann auch sagen: Mehr Macht zu haben. 

Dabei ist Macht doch so ein bisschen aus der Mode gekommen. Zumindest sagt man es nicht mehr so einfach, dass man nach Macht strebt. Aber selbst die Grünen und die FDP haben vor der letzten Bundestagswahl eingestanden, dass Opposition doof ist und sie an die Macht wollen. Und wieso wird man denn Influencer für irgendwas, wenn man nicht Macht über seine Follower haben will? Jedenfalls ist das Erreichen von Macht für einen Manager in größeren Organisationen ein ganz wesentliches persönliches Ziel, auch wenn wir alle das nie so richtig gerne zugeben, denn wir sind ja alle ein Team und wollen nur gemeinsam die Firma voranbringen.  

Macht ist zunächst einmal wertneutral, es kommt darauf an, was man damit machen will. Manche wollen Gutes, manche Schlechtes, andere wollen nur ihr Ego füttern. Aber letztlich wird der Wettkampf zwischen Führungskräften in wirtschaftlichen oder politischen Organisationen ganz wesentlich dadurch entschieden, welcher Wettbewerber durchsetzungsfähiger ist und besser mit Macht umgehen kann. Wer mehr Macht hat, kann seine Ziele und Prioritäten besser durchsetzen, bekommt mehr Stellen und mehr Budget, mehr Gehaltserhöhungen und zieht die besseren Mitarbeiter an.  

Nehmen wir mal ein Beispiel aus meiner Community, den ITlern in den großen Unternehmen. Seit Jahrzehnten höre ich immer wieder auf den Fachtagungen der IT-Manager, dass IT doch immer wichtiger für den Erfolg der Unternehmen wird und deshalb der IT-Chef in den Vorstand gehört. Angesichts der aktuellen Digitalisierungswelle wird es noch einmal lauter denn je diskutiert. Alle Produkte werden zunehmend digital, wie auch die Dienstleistungen und die Schnittstelle zum Kunden, deshalb muss die IT sich auch im Entscheidungsgremium Vorstand kompetent einbringen können? Nein, es geht um Macht. Die IT will endlich aus der Looser-Rolle als interner Dienstleister heraus. Sie will aus dem ewig unsymmetrischen Spiel „Wenn es klappt, war es das Business, wenn es schief geht die IT!“ heraus.  

Ein anderes aktuelles Beispiel aus „Der Spiegel“ vom 20.05.2023. Dort steht unter dem Titel „Die Erste“ als Zusammenfassung des folgenden Artikels: „Der Männerladen IG Metall soll bald von einer Frau geführt werden. Christiane Brenner schreibt damit Geschichte. Ihren Machtinstinkt sollte niemand unterschätzen.“  Es wird also hier als selbstverständliche und wesentliche Qualifikation für eine solche herausragende Managementaufgabe angesehen, dass man mit Macht umgehen kann und will.  

Und auch ein Elon Musk fasziniert schon, wenn er mal so einfach Twitter kauft und dann die Hälfte der Leute rausschmeißt. Aber ehrlich gesagt, schaudert es doch viele von uns bei dieser Geschichte schon ein bisschen, oder? Und als sich Piech und Wiedeking um die Herrschaft über VW und Porsche stritten, ging es da wirklich noch um eine inhaltliche Frage oder nur um die Befriedigung des Egos zweier Alphatiere?      

Das Management ist, dies muss man sich leider als Angehöriger dieses Berufs eingestehen, ein natürliches Berufsziel für Menschen, denen es um ihr Ego und ihre Macht geht. Denn natürlich gewinnt ein Manager mit jeder Stufe in der Hierarchie Entscheidungsgewalt über mehr Menschen, mehr Budget, mehr Beförderungen, mehr Karrieren, also mehr Macht. Deshalb ist wohl auch die Anzahl der soziopathisch geprägten Persönlichkeiten in diesem Umfeld größer als anderswo. Solche Menschen sind in mancher Hinsicht im Wettkampf klar im Vorteil. Ohne Empathie und ohne Mitgefühl, ohne schlechtes Gewissen bei Manipulation und Betrug, da lassen sich harte Sanierungsprogramme wie auch unfaire Übernahmen doch viel leichter umsetzen und man schläft nicht einmal schlecht dabei!   

Deshalb halten auch immer wieder die alten Machttheoretiker Machiavelli und sein chinesischer Vorläufers Sun-Tzu Einzug in die Managementratgeber. Man mag dies bedauern, aber jeder, der den Beruf des Managers ergreift, sollte wissen, dass es trotz allen wohlfeilen Geredes über das Team, wir als verschworene Gemeinschaft, die Unternehmensfamilie etc. diese Untergruppe der Despoten, Egomanen, Intriganten, kurz die Arschlöcher, wie sie Robert Sutton in seinem Buch „Der Arschlochfaktor“ nannte, wirklich gibt. Übrigens werden Sie mit ein bisschen Nachforschen in Hintergrundberichten über die Zustände in manchen Ministerien, Parteigremien oder Staatskanzleien leicht herausfinden, dass in den politischen Organisationen, egal wie sozial, christlich, sozialistisch, liberal oder ökologisch sie sein mögen, auch das eine oder andere Arschloch untergekommen ist. Die Eigenschaft, Überzeugungen nahezu beliebig zu wechseln, wenn es dem persönlichen Machterhalt dient, ist auch hier sehr nützlich. 

Es ist bedauerlich, dass weder wirtschaftliche noch politische Organisationen sich von diesen Menschen effizient trennen können. Solange diese Menschen erfolgreich sind, wird immer wieder selbst das unmöglichste Fehlverhalten toleriert. Das sollte uns doch auch die #metoo Debatte wieder gezeigt haben: Was Harry Weinstein tat, wusste mit Sicherheit die ganze Branche! Kürzlich hatte ich mal einen Moment der Hoffnung. Da wurde Neymar, der schlechteste Schauspieler des Weltfußballs, nach einem Tor von seinem eigenen Publikum komplett ignoriert! Das Publikum hatte verstanden, dass dieser Spieler keinen Applaus mehr verdient. 

Viele Unternehmen geben sich Unternehmenswerte. Sie veröffentlichen die sogar auf ihrer Website. Da stehen schöne Dinge über Teamwork, Wertschätzung, Respekt, Integrität, Zusammenarbeit und vieles andere mehr. Aber was meinen sie damit? In der Gesellschaft leiten wir aus Werten Normen für unser Verhalten ab. Der Schutz des Lebens ist einer unserer Werte, daraus leitet sich die Norm „Du darfst nicht töten“ ab. Du kriegst keinen Orden für 40 Jahre keinen umbringen, sondern das ist die Voraussetzung dafür, mitmachen zu dürfen. Wenn Unternehmen ihre Werte ernst nähmen, müssten sie sich von einer Reihe von Managern, die hausweit, manchmal branchenweit, bekannte Arschlöcher sind, trennen. Solange wir dies nicht tun, sondern sogar noch altersweisen Vorträgen von Steve Jobs (ein Vorbild für Robert Suttons Buch!) über die Mitarbeiterführung Beifall spenden oder uns von Jack Welch, Spitzname „Neutron Jack“ (weil er den Besitz der Aktionäre schützte, aber die Menschen vernichtete), Sprüche über die Mitarbeiter als wichtigste Ressource verkaufen lassen, sollten wir uns wenigstens damit befassen, wie diese Menschen agieren, wie man sie identifizieren kann und wie man sich vor ihnen schützen kann. 

Denn mit diesen Menschen zieht noch etwas anderes in unsere Welt ein: Feindschaft anstelle von Konkurrenz. Konkurrenz ist das ganz normale Wettbewerbsverhalten im Sport wie im Berufsleben. Es kann nur einer Weltmeister werden, aber jeder strengt sich an. Beim Fußball darf man noch ein bisschen rempeln und vielleicht noch die Hand Gottes einsetzen, aber mehr nicht. Feindschafft hat die aktive Zerstörung des Gegners zum Ziel. Wie es schon Bobby Fischer sagte: „Ich spiele nicht Schach, um zu gewinnen, sondern um das Ego meines Gegners zu zerstören!“  

Es ist unangenehm unter diesen Aspekten über seine Kollegen nachzudenken, aber es wäre unrealistisch es nicht zu tun. Und vor allem wäre es verantwortungslos gegenüber Ihren Mitarbeitern, denn die werden mitleiden, wenn Sie von Ihrem Feind vernichtet werden. Aber mal wieder zurück von den Extremfällen zum normalen Geschäft. Bei praktisch jedem Projekt, in dem es beispielsweise um neue Prozesse und Organisationen geht, neue Arbeitsweisen, neue Produkte, neue Marktzugänge etc. geht es immer auch um Veränderungen der Machtstrukturen in ihrem Unternehmen.  

Deshalb ist es eine Pflichtaufgabe für jeden Manager, die Machtstrukturen mindestens in dem für ihn relevanten Umfeld zu kennen. Damit meine ich nicht so sehr die formelle Abbildung von Zuständigkeiten und Verantwortungen im offiziellen Organigramm einer Organisation, sondern mehr die informellen Rollen und Positionen. Ein paar Beispiele: 

  1. In vielen Organisationen gibt es zu bestimmten Themen Mitarbeiter mit Guru-Status. Sie sind wesentliche Meinungsbildner – Influencer würde man heute wohl sagen – in ihrem Umfeld. Wenn ich die Stimme des Chefs dieser Organisation für ein Vorhaben brauche, empfiehlt es sich, diesen Menschen zu informieren und zu umwerben, bevor ich dem Chef eine Vorlage zu dem Thema schicke. 
  1. Wenn ich für ein Projekt einen Lenkungsausschuss habe, sollte ich mir die Mitglieder genau anschauen. Hat da jemand ein besonderes Lieblingsthema wie etwa Kostensparen? Dann sollte ich vielleicht einen Stufenplan in der Hinterhand haben oder eine Sollbruchstelle im Budgetplan vorsehen, so dass ich vielleicht mit gekürztem Budget für das Ego des Sparmeisters herauskomme, aber doch bekomme, was ich brauche. 
  1.  Wenn die Entscheider unterschiedlich von einem Vorhaben profitieren, stellen Sie vor der Sitzung sicher, dass alle Profiteure den Nutzen auch vollumfänglich begreifen.  
  1. Es zahlt sich aus, zu wissen, wer die Vorlagen wirklich vorher genau liest und wer eher seinem großen Weitblick vertraut. Bei den Aktenfressern sollte man mögliche Nachteile nicht verschweigen, da diese sonst die ganze Vorlage als unpräzise und schlecht bewerten werden. Bei den Weitblickern können Sie ruhig mal was gnädig vergessen. Sollte er es dann doch merken, wird es meist stolz nur als Bestätigung für seinen großen Weitblick verbuchen und nicht als ihren Versuch, ihn über bestimmte Nachteile des Vorhabens für seinen Bereich nicht klar zu informieren. 

Diese Liste könnte man noch lange fortführen, aber es geht mir hier nicht um Vollständigkeit, sondern ich möchte hier nur ihr Bewusstsein dafür wecken, dass es sich lohnt, sich mit diesem Thema zu befassen. Die Vernetzung im Unternehmen ist dazu eine wesentliche Voraussetzung und kostet wieder einmal Zeit, aber ich bin überzeugt, dass die Investition sich lohnt. Aber Sie müssen auch nicht alles selbst machen. Ich bin sicher, dass es auch in ihrer Organisation den begnadeten Netzwerker gibt, der die benötigten Informationen leicht findet. Wenn man denn akzeptiert, dass die meisten Menschen Manager werden, weil sie Einfluss auf die Gestaltung der Zukunft in ihrem Umfeld nehmen wollen, dann spielt das Streben nach Macht in vielen Situationen eine Rolle, die man nicht ignorieren sollte, sondern sich eher positiv zu Nutze machen sollte. Und in diesem Sinne ist dann auch eine Lektüre von Machiavelli oder Sun-Tzu durchaus zu empfehlen.    

Fragen, Feedback und Kommentare zu diesem Beitrag senden Sie bitte an r.janssen@acent.de

Rainer Janßen | 15.06.2023

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