Die neueste Sau im IT-Dorf: Homeoffice!
COVID-19

Die neueste Sau im IT-Dorf: Homeoffice!

Es ist gar nicht lange her, vielleicht ein knappes Jahr, da wurde in den Medien bereits die unglaublich hohe Flugreiseaktivität zwischen den in Bonn verbliebenen Teilen der Bundesministerien und ihren Kopfstellen in der Hauptstadt diskutiert. Auf Grund der damals aktuellen Fridays for Future Diskussionen kam rasch der Vorschlag, man solle doch endlich den Rest der Ministerien nach Berlin umziehen, damit diese elendige Umweltverschmutzung aufhören könne.

Dies hat mich nicht wenig verwundert, denn im Zuge der Digitalisierung sollte man doch wohl eher den Leuten raten, die Digitalisierung zu nutzen, anstatt umzuziehen und die Wohnungsnot in Berlin zu vergrößern. Besonders ironisch wird die Sache, wenn man weiß, dass zur Unterstützung des Umzugs der Regierung von Bonn nach Berlin das Forschungsministerium ein Verbundprojekt POLIKOM gefördert hat. In diesem Projekt wurden Werkzeuge für die Telekooperation, die Zusammenarbeit zwischen den geteilten Ministerien in Bonn und Berlin, entwickelt. Schon 1992 wurde von einer Arbeitsgruppe des IBM Forschungszentrums in Heidelberg, an dem ich damals arbeitete, auf der CeBIT ein Prototyp gezeigt, mit dem man über das damalige ISDN Netzwerk Anwendungen teilen konnte (mit integrierter Videokonferenz und Archivlösung). Seit geraumer Zeit gibt es solche Lösungen zu kaufen und es gibt auch in weiten Teilen Deutschlands Netzwerke mit besserer Bandbreite als ISDN. Trotzdem war die echte Nutzung auch und gerade innerhalb der IT begrenzt.

Die IT hat immer wieder den Standpunkt vertreten: Projekt ist, wenn wir alle gemeinsam in einem Raum sitzen und Kaffee und Pizza bestellen. Und im Zeichen der neuen Agilität in Projektvorgehen und Management sind alle in ein Großraumbüro gezogen, weil man ja nur richtig kommunizieren kann, wenn man sich sieht und ganz informell aneinander vorbeiläuft. Nur so sind hierarchieübergreifende, schnelle und durchlässige Kommunikation und somit agiles Handeln überhaupt möglich. Den Gipfel erreichte diese „wir müssen zusammen sein“ Attitüde ausgerechnet mit dem Beginn des Digitalisierungshypes. Ohne Innolab ging doch gar nichts. Wie sollte man denn kreativ sein können, neue Geschäftsmodelle und völlig neue Prozesswelten erdenken, wenn nicht ALLE – ITler und die Kollegen aus den Fachbereichen – zusammensitzen könnten. Zwar durften diese Innolabs nicht zu aufgeräumt sein, keine gestrichenen Wände haben und keine funktionalen Büromöbel, denn sonst fühlt sich der Nerd nicht wohl, aber eines war vollkommen klar: Sie müssen zusammensitzen!

Jetzt höre ich plötzlich unisono von all den gleichen Managern, die eben noch das hohe Lied des Zusammensitzens gesungen haben, dass wir dank Corona nun endlich gelernt haben, dass Telekooperation nicht nur möglich ist, sondern sogar funktioniert. Das Homeoffice ist der Arbeitsplatz der Zukunft! Damit retten wir die Umwelt, ersparen dem Mitarbeiter die langen täglichen Fahrten ins Büro, beseitigen den Verkehrsinfarkt und die Immobilienkrise: Alles wird gut! Beginnen wir doch gleich, den Büroraum abzumieten. Das spart wenigstens schon einmal Geld, das wir nach dem Lockdown wegen COVID-19 sehr gut gebrauchen können.

Ich rate allen, doch vielleicht dieses Mal erst ein bisschen nachzudenken, was die Konsequenzen sind, bevor man dem nächsten Rattenfänger folgt. Es ist auf jeden Fall eine gute Sache, dass wir durch Corona gezwungenermaßen gelernt haben, dass Telekooperation funktionieren kann. Und dass sowohl bei Kunden wie bei Anwendern und den ITlern selbst eine Akzeptanz für die Nutzung virtueller Zusammenarbeit geschaffen wurde. Aber es ist und bleibt am Ende nur ein weiteres Werkzeug und ist nicht die eierlegende Wollmilchsau und die Antwort auf die Frage aller Fragen!

Wenn man einem Kind einen Hammer gibt, sieht hinfort alles wie ein Nagel aus. In Bezug auf die Nutzung von Werkzeugen sind die Manager vielfach wirklich im kindischen Verhalten stecken geblieben: Alles folgt blind dem nächsten Hype und alles sieht wie ein Nagel aus. Bevor man aber alle Mitarbeiter ins Homeoffice schickt, sollte man vielleicht ein wenig darüber nachdenken – und vielleicht diesmal etwas kritischer als bei den Themen Großraumbüro und Innolab!

Manche Manager stellen sich oft als erstes die Frage, wie man denn die Mitarbeiter zu Hause kontrolliert. Das halte ich eher für ein vernachlässigbares Problem. Wahrscheinlich läuft der engagierte Mitarbeiter eher Gefahr, zu viel zu arbeiten, während der Faule auch im Büro wusste, wie er sich mit der Urlaubsplanung oder der Tageszeitung beschäftigen kann. Aber folgende Fragen sollte man vielleicht einmal durchdenken:

  • Brauche ich wirklich weniger Raum oder erwarte ich nur, dass der Mitarbeiter den Raum bezahlt?
  • Reicht ein Laptop als Infrastruktur wirklich aus? Für viele Arbeiten brauche ich doch eher zwei große Bildschirme. Wie sieht es mit Drucker, Scanner, Shredder aus? Im Notfall eines Lockdowns komme ich auch eine Zeit lang mit beschränkten Mitteln aus. Geht das aber auf Dauer? Hat der Mitarbeiter Platz für so viel Infrastruktur?
  • Was passiert mit einem Menschen, der tagaus, tagein nur in seiner Eineinhalb-Zimmer-Wohnung lebt, der auch in der Freizeit immer seine Arbeit um sich herum sieht?
  • Wir wissen, dass Clean Desk Policies begrenzt eingehalten werden. Im Büro ist das nicht so problematisch, weil da nicht der ganze private Bekanntenkreis des Mitarbeiters Zugang hat. Aber bleibt der Zugang zur Firmen-IT einigermaßen geschützt, wenn der Mitarbeiter keinen abschließbaren Arbeitsraum hat?
  • Wie entwickelt sich die Bindung zum Unternehmen, wenn ich ihm nur noch durch eine Leitung verbunden bin?
  • Wie unumkehrbar sind meine Entscheidungen? Bekomme ich den Büroraum wieder zurück, wenn ich ihn abgemietet habe? Bekomme ich Mitarbeiter wieder in den zentralen Büroarbeitsplatz zurück, wenn dieser sich auf das Land verabschiedet hat, weil er dort billiger wohnt und sich ein Arbeitszimmer leisten kann?
  • Gibt es vielleicht interessante Zwischenlösungen? Etwa man mietet preiswerteren Büroraum vor der Stadt an, sodass Mitarbeiter, die außerhalb der Stadt wohnen, in der Regel dort arbeiten können und nicht mehr in die Firmenzentrale in der Innenstadt müssen? Man arbeitet näher am Zuhause, aber nicht im Homeoffice!
  • Wieviel Präsenzzeit brauche ich im Minimum? Wieviel Überkapazität an Bürofläche brauche ich, damit ich einigermaßen flexibel mit den Präsenzzeiten umgehen kann?
  • Und so weiter….

Bei den Großraumbüros haben wir uns sehr viel selbst belogen. Die Kommunikation ist nicht besser geworden. Viele Leute sind unter ihre Kopfhörer gezogen. Die Nutzung von Email stieg an. Hierarchieübergreifende Kommunikation gerade in kritischen Fällen wurde geringer, weil zu oft der Chef fragte, was man denn vom Chef-Chef wollte. Aber eine Fehlentwicklung bei der Entscheidung für Großraumbüros lässt sich vielleicht noch leichter korrigieren als bei Homeoffice. Deshalb lohnt es sich mit Sicherheit, vorher etwas gründlicher und kritischer nachzudenken. Dies ist schwierig, denn der Druck ist groß und die Zahl der Lemminge, die den Weg ins gelobte Land schon kennen, ist noch größer. Diesmal sind sowohl Betriebsrat wie auch Vorstand dafür. Es könnte also schnell gehen. Die Gefahr ist jedoch groß, dass Vorstand und Betriebsrat erst später merken, dass sie sich unter Homeoffice etwas sehr Unterschiedliches vorgestellt haben. Der Mutige erschrickt nach der Tat, sagte ein Freund von mir immer, aber manchmal ist vor nachdenken auch nicht schlecht.    

Fragen, Feedback und Kommentare zu diesem Beitrag senden Sie bitte an r.janssen@acent.de

Rainer Janßen | 11.09.2020

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